DIE LETZTE FAHRT

Gewidmet allen Busfahrern, die mir ihre Geschichten erzählt haben

Von Maria Schneider -31. Dezember 2021

Krauses letzte Fahrt begann in aller Herrgottsfrühe an einem klirrend kalten Wintertag. Er hatte die Frühschicht zugeteilt bekommen, die um 4.30 Uhr begann und sich – wie man sich denken konnte – bei den Kollegen keiner besonderen Beliebtheit erfreute. Krause war müde vom Arbeiten, vom Leben und einem ständigen Gefühl irgendwie festzusitzen – und zwar nicht nur in seiner Fahrerkabine. Und so hatte es ihm gerade noch gefehlt, dass eine 10-köpfige, lärmende Gruppe Afrikaner in seinen Bus einstieg. Krauses Rücken versteifte sich, denn ihm schwante nichts Gutes. Dennoch versuchte er, trotz der lauthals auf Arabisch und Afrikanisch geführten Handytelefonate, sich weiterhin auf das Fahren zu konzentrieren und dachte an die gestrige Teamsitzung.

Da hatte der Chef, Herr Bange, alle Busfahrer einberufen, um sie auf Linie zu bringen: Zum x-ten Mal hatte er ihnen eingetrichtert, dass man sich bei Afrikanern und Arabern in Toleranz üben und sich jede Art von Beschimpfung gefallen lassen müsse. Auch Hinweise, dass man als Fahrgast ein Ticket zu lösen habe oder dass Deutsch Amtssprache sei, seien Vertreter dieser Volksgruppen gegenüber tunlichst zu unterlassen. Krause war über diesen Vorfall schon längst im Bilde – war doch sein bestens integrierter Kollege Ali lediglich auf Grund seines Namens nur knapp einer Entlassung entkommen, weil er einen Neuankömmling aufgefordert hatte, doch bitteschön Deutsch als Amtssprache zu benutzen. Diese rassistische Unverfrorenheit hatte die deutschen Fahrgäste so empört, dass sie Ali sofort den Vorgesetzten Herrn Bange und die Polizei auf den Hals gehetzt hatten. Schließlich hält doppelt genäht besser.

Doppelt genäht hält besser

Kollege Maier – immer etwas stürmisch, doch letztlich ein nachgiebiger Trottel – hatte in der gestrigen Besprechung eingewandt, ob man denn vielleicht warten solle, bis man ein Messer im Bauch habe? Bange hatte daraufhin nur müde mit den Achseln gezuckt und war ungerührt mit seinen Instruktionen fortgefahren. Kollege Schulz hatte gebrummt: „Ich sage mal nichts dazu“, und Kollege Kowalski, der sowieso nur solange in Deutschland arbeiten würde, bis es kein Kindergeld mehr für seine drei Kinder mehr geben würde, hatte nur verächtlich geschnaubt. Alle anderen Kollegen waren stumm geblieben wie tote Fische auf dem Kutter.

Eindringlich hatte Bange ihnen eingeschärft, dass alle Flüchtlinge weiterhin umsonst zu befördern seien und grundsätzlich mitzunehmen seien. All das wußten sie bereits. Doch dann war gestern noch etwas Neues dazugekommen: Jedem Fahrer wurde ein Vertrag zur Unterschrift vorgelegt, in dem schwarz auf weiß niedergeschrieben stand, dass jegliche Übergriffe, Beschimpfungen und sonstige Vorfälle mit Flüchtlingen in den Bussen hinzunehmen seien und darüber striktes Stillschweigen zu bewahren sei – ansonsten würde eine Konventionalstrafe von bis zu 20.000 Euro drohen.

Angesichts der langen Bandwurmsätze hatten die meisten Busfahrer das Lesen schon nach den ersten Worten aufgegeben; die Osteuropäer in der Belegschaft hatten es gleich gar nicht versucht. Eines hatten aber alle Fahrer verstanden: Diese Verträge verhießen nichts Gutes. Daher hatten sie in seltener Einigkeit die Unterschrift verweigert – wiederum allen voran die Osteuropäer. Und so hatte Chef Bange diesmal ausnahmsweise auf Granit gebissen – all seinen Überredungskünsten und Drohungen zum Trotz. Denn sie alle auf einmal konnte er nicht entlassen. „Das kommt davon, wenn man jahrelang den Lohn senkt”, hatte Maier, der Kriecher vom Dienst, Krause zugeflüstert, und schadenfroh gegrinst. Er wusste, warum: Seit Neustem werden nicht einmal mehr die Pausen bezahlt – selbst wenn man zwei Stunden inmitten einer Ödnis auf einem Parkplatz ausharren muss, bis die nächste Tour beginnt.

Immer wieder angespornt zum Weitermachen

Krause fuhr die nächste Haltestelle an und ließ sich seine persönliche Situation durch den Kopf gehen. Das Geld war einfach zu wenig zum Leben und zu viel zum Sterben. Lange genug hatten sich seine Frau Helga und er den Kopf darüber zerbrochen, wie und wo sie noch Geld einsparen könnten. Lange genug wohnten sie schon in einer winzigen Wohnung, deren einziger Vorteil die räumliche Nähe zum Arbeitsplatz war. Lange genug ertrug er es schon, dass Helga ihm, um das Geld für den Friseur zu sparen, die Haare schnitt und er anschließend stets aussah, als hätte sie ihm den Milchtopf über den Kopf gestülpt und die Haare einfach mit einem Messer seitlich abgesäbelt.

Immer wieder hatte er sich selbst angespornt weiterzumachen, obwohl sich der Job nicht einmal für die vergünstigten Monatsfahrkarten seiner Kinder lohnte. Trotz Rabatt für die Busfahrer rissen die nämlich immer noch ein ziemlich großes Loch ins magere Haushaltsbudget. Ach, wäre er doch nur in seinem früheren Job auf der Baustelle geblieben! Da war die Arbeit hart gewesen, man war der Witterung ausgesetzt – aber mußte sich wenigstens nicht ohne jeden Anlass ständig beschimpfen lassen.

Plötzlich wurde Krause jäh aus seinen Gedanken gerissen: Hinten im Bus gab es schon wieder Tumult. Drei neu zugestiegene Afrikaner regten sich lautstark darüber auf, dass er die Tür für sie eine Zehntelsekunde zu spät geöffnet hatte. Anlass genug, Krause besonders unflätig zu beschimpfen. Als hätten sie gewittert, dass er heute besonders empfänglich für Provokationen war, fielen Begriffe wie „Hurensohn”, „deutscher Nazi”, „Schwein” etc.. Die Wüstensöhne bewiesen einmal mehr ihre hervorragenden Deutschkenntnisse. Jeder Fluch, jeder Begriff traf ihn wie ein Messerstich.

Und da wurde Krause mit einem Mal bewusst, dass das Maß voll war. Er beschloss, dass diese Fahrt seine letzte Fahrt sein würde, die er unter unflätigen Schimpfkanonaden absolvieren würde. Monatelang hatte er sich beschimpfen, anschreien, beleidigen, verlachen und bedrohen lassen. Stoisch hatte er wieder und wieder alles hingenommen, hatte des öfteren das Bremspedal und die Schaltung vor Zorn traktiert, leise vor sich hingeflucht und an ganz besonders schlimmen Tagen in der Pause gegen die Wände des Toilettenhäuschens der Busfahrer getreten. Ungezählt waren die Zigaretten, die er angesichts der ständigen Demütigungen vor Wut fast aufgegessen hätte. Sie waren sozusagen sein einziger Luxus.

Der Tag der Tage

Heute war der Tag der Tage. Der Tag, von dem er immer wusste, dass er irgendwann kommen würde. Der Tag, an dem der letzte Tropfen dass Faß zum Überlaufen bringt. Der Tag, an dem Busfahrer Krause einfach nicht mehr konnte.

Als ein weiteres Mal das Wort „Nazi” fiel und ein Afrikaner ihm mit geckerndem Lachen den Stinkefinger zeigte, fixierte Krause ihn etwas genauer im Rückspiegel. Plötzlich stutzte er. Da sollte ihm doch einer einen Storch braten – das war doch der Handymann! Höchstens 19 Jahre alt, immer top gestylt mit knallroten Markenturnschuhen und – am allerwichtigsten – stets mit dem aktuellsten Smartphone ausgestattet und im Besitz des neuesten Wortschatzes an Schmähbegriffen; darunter einige der abstoßendsten Ausdrücke, die je an Krauses behaarte Ohren gedrungen waren.

Genug war genug. Krause zog mitten auf freier Strecke die Bremse, brachte den Bus zum Stehen, stemmte sich hoch, richtete seinen Gürtel und marschierte nach hinten. Er packte er den Handymann, schüttelte ihn durch wie einen Cocktail an der Bar, bohrte seine himmelblauen Augen in die aufgerissenen braunen Augen des Afrikaners. Schlagartig verstummte sämtliches Geschnatter seiner Flüchtlingskumpel. Anscheinend erwarteten sie, dass Krause gleich wild um sich schlagen würde. Doch er bewahrte die Contenance und ermahnte ihn eindrücklich, die Kraftausdrücke zu lassen.

Oh, welch’ himmlische Ruhe im Bus plötzlich herrschte! Krause lockerte seinen Griff, der Handymann plumpste wie ein Sack Mehl auf seinen Sitz und verfiel in eine regelrechte Schockstarre. Die Ruhe selbst Krause, gefühlte zwei Zentimeter größer, wieder nach vorne und setzte seine Fahrt leise vor sich hin pfeifend fort.

Ausscheren aus dem Willkommensgleichschritt

Nur wenige Minuten später stoppte ein ganzer Pulk von mehreren Polizeiwagen den Bus an. Krause hielt an. Die Beamten wollten wissen, was passiert sei – obwohl sie über das Geschehene bereits im Bild waren: Natürlich hatte ein deutscher Untertan unverzüglich die Polizei über Krauses „fremdenfeindliches“ Ausscheren aus dem verordneten gesellschaftlichen Willkommensgleichschritt informiert – und die Einsatzleitung hatte bereits über die Firma die Videoaufzeichnung aus dem Bus angefordert und die Auseinandersetzung gesehen.

Zwar hatte Krause schon erwartet, dass die Polizei recht schnell auftauchen würde – derartige Einsätze haben in Deutschland bekanntlich höchste Dringlichkeit, und auf seine Landsleute ist beim Denunzieren einfach Verlaß. Dass jedoch gleich vier Streifenwagen kamen und man sich fast darum riss, ihn zur Rede stellen, maßregeln und „belehren“ zu können, das überraschte ihn dann doch. Obwohl… irgendwie konnte er die Beamten auch verstehen. Denn wie oft kommt ein deutscher Polizist heute noch in den Genuss, endlich ausnahmsweise einmal ohne Gefährdung des eigenen Lebens so richtig die „Autoritätssau“ rauszulassen zu dürfen – bei einem aufmüpfigen, 50-jährigen, korpulenten, männlichen, weißen Deutschen; einer Spezies, die inzwischen fast rarer ist als ein Einhorn? Krause, geläutert durch seine eigenen Erfahrungen und für seine an Selbstaufgabe grenzende Gutmütigkeit bekannt, gönnte ihnen dieses kleine, kurze Machtgefühl von Herzen.

Und vermutlich war es auch seinem Ruf als gutmütiger, ansonsten stets friedfertiger Mitarbeiter zuzuschreiben, dass er seine Schicht noch in Würde zu beenden durfte, bevor er bei Herrn Bange zum Rapport antreten mußte, der ihm sogleich eine Standpauke hielt: Was er sich da erlaubt habe, so etwasginge ja gar nicht! Wo kämen wir denn da hin! Asylbewerber seien immer mit Respekt und Höflichkeit zu behandeln. IMMER! Wer wüßte schon, was sie durchgemacht hätten und unter welch schrecklichen „Traumas“ sie litten. Er sagte tatsächlich „Traumas”, nicht Traumata – denn Sprachen waren noch nie Banges Stärke gewesen. Vermutlich hatte er deswegen genau diesen Posten inne – in dem er brav sämtliche Befehle von oben ausführen könnte. Denn gerade einem wie Bange war natürlich klar, dass für ihn Endstation war, sobald seine Mitarbeiter nicht wie gewünscht spurten.

Menschliche Größe ist selten geworden

Und deshalb tat Bange auch diesmal das, was von ihm verlangt wurde: Er schloss die Unterredung nach geschlagenen 10 Minuten mit der fristlosen Entlassung von Krause ab – und bekräftigte sein Verdikt mit einem Faustschlag auf den Tisch, der einer Maus alle Ehre gemacht hätte.

Und Krause? Er schwieg während der gesamten Tirade. Denn was wäre hier noch zu sagen, was nicht schon längst gesagt wurde? Was soll man noch tun, wenn wahre menschliche Größe und Charakterstärke so selten geworden sind wie Schnee im Sommer? Wenn Menschen sich selbst und andere für Konsum und Status verraten? Was tun, wenn so viele Zeitgenossen aus Angst vor Ächtung vor anderen kuschen – obwohl doch so viele darauf warten, dass irgendjemand den ersten Schritt tut, um aus diesem Alptraum zu erwachen?

Früher oder später erkennt wohl jeder, dass er auf sich selbst zurückgeworfen ist. Dass er alleine sich und seinem Gewissen verantwortlich ist. Dass jeder seinen eigenen Weg gehen muss, um sich, seiner Familie und seinen Freunden in die Augen sehen zu können. Dass manchmal einfach der Worte genug gewechselt sind. Dass man sich einfach umdrehen und gehen muss.

Und genau das tat Krause: Er nahm seine Papiere, drehte sich um und ging. Ohne Arbeit, ohne Lohn, aber dafür inzwischen vier Zentimeter größer und gesegnet mit einer Frau, die zu Hause auf ihn wartete und ihn für seinen Mut liebte.

Quelle: Ansage – Die letzte Fahrt